Lyndon B. Johnson

Lyndon B. Johnson

Der unterschätzte Präsident

In Europa ist er bekannt als der Präsident, der Vietnam den Krieg erklärte. Dabei ist er einer der erfolgreichsten amerikanischen Präsidenten, dessen Bürger- und Wahlrechtgesetz den Weg geebnet haben für Barack Obama, den ersten nicht-weißen Präsidenten, und der den Amerikanern mehr Rechte verschaffte, als es Kennedy je vorhatte.

50 Jahre nach dem Kennedy-Mord nehmen wir den Jahrestag zum Anlass, den Blick auf den Mann zu richten, der an diesem Tag unerwartet das Amt des Präsidenten übernahm: Lyndon B. Johnson, obwohl 12 Jahre Mehrheitsführer im Senat, eine Randfigur in der US-Administration: Ungeliebt, unausgefüllt, unglücklich. Ein Tag zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Erschütterung und dem Willen zur Macht. Ein Präsident dessen Ausspruch "Wofür zur Hölle wird man denn sonst Präsident?" Synonym ist für seinen offensiven politischen Stil und der die prägendsten Errungenschaften der amerikanischen Innenpolitik im 20. Jahrhundert erreicht hat.

Als John F. Kennedy am Mittag des 22. November 1963 erschossen wurde, richtete sich die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit einzig auf die Frage, wer geschossen hatte und ob die Ermordung Teil einer Verschwörung war, die auch weitere Regierungsmitglieder bedrohte. Newsweek Journalist Charles Roberts erinnerte sich später: "Über die Nachfolge hat in diesem Augenblick niemand nachgedacht".

Noch am Morgen des 22. November, auf dem Weg zu einer Veranstaltung in der Handelskammer in Fort Worth, ging Johnson mehrere Schritte hinter Kennedy. Ein Bild, das seine Rolle in den 1000 Tagen von Kennedys Präsidentschaft symbolisiert: Der Mehrheitsführer der demokratischen Partei im Senat, der es geschafft hatte, sich die Stimmen der Südstaaten zu sichern, um dann später seine demokratischen Pläne im Senat umzusetzen; der noch im Vorwahlkampf 1960 gegen Kennedy angetreten war und wenige Monate vor der Wahl von diesem zum Vizepräsidentschaftskandidaten berufen wurde - aus kalter Berechnung, nicht aus Begeisterung. Doch wusste Kennedy, dass er Johnson brauchte, um genug Stimmen in den Südstaaten zu gewinnen.

Als Lyndon B. Johnson im November 1963 unerwartet die Präsidentschaft übernahm, befand sich das Land nicht nur in einem Schockzustand, auch der Kongress war völlig blockiert und alle Vorhaben, auch schon der Kennedy-Regierung, standen still. Gegen die erheblichen Blockaden im Kongress und Senat brachte er die Bürgerrechtsgesetze und Sozialprogramme wie "affirmative action" auf den Weg, die Millionen von diskriminierten Schwarzen den Zugang zu Bildungs- und Berufswegen ermöglichten, der ihnen vorher verwehrt worden war. Die Wahl 1964 gewann Johnson mit 61% gegen den republikanischen Kandidaten Barry Goldwater, bis heute der höchste Wahlsieg in der amerikanischen Geschichte. Johnson ist zu verdanken, dass Amerika liberaler wurde und sich endlich daran machte, das Versprechen einzulösen, das von der Verfassung garantiert wird: gleiche Chancen für alle.

Johnson gilt aus heutiger Sicht mehr denn je als politischer Pionier, der sozial und innenpolitisch den zweitwichtigsten Meilenstein des Jahrhunderts seit Roosevelts "New Deal" setzte; der mit seinem Great Society Program, dem Civil Rights Act und dem Voting Rights Act, auch mit der Einführung des Medicaire and Medicaid Programms Gesetze durchbrachte, die die amerikanische Gesellschaft bis heute nachhaltig veränderten.

Erstausstrahlung: 19. November 2013 um 21:40 auf Arte.